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Berner Modell für eine konsistente Medikamentenpolitik
Bern, 12. September 2006 - Im Kanton Bern fordern Ärztegesellschaft, Apothekerverband und der Krankenversicherer Visana gemeinsam eine neue Medikamentenpolitik. Der Bundesrat habe mit seiner „Preiskorrekturrunde“ einen wichtigen Schritt getan. Folgen müsse nun aber eine langfristige Strategie, die der Kostenpflege und der Sicherung der Qualität und Versorgung Rechnung trage. Thesen zu dieser Strategie wurden der Öffentlichkeit heute in Bern präsentiert.
Darin sind sich die Spitzen der Berner Ärztegesellschaft, des Apothekerverbandes des Kantons Bern und der Krankenversicherung Visana einig: Die durch Bundesrat Couchepin bzw. das Bundesamt für Gesundheit verordneten Massnahmen im Medikamentenbereich brachten wesentliche Einsparungen, Preissenkungen und führten zum Anstieg des Generika-Marktanteils. Diese Entwicklung sei positiv. Ebenso einig ist man sich aber, dass an die Stelle von Sofortmassnahmen nun eine konsistente, langfristig ausgerichtete Medikamentenpolitik treten müsse. Denn würden die Rahmenbedingungen im Medikamentensektor weiter durch kurzfristige Eingriffe der Behörden tangiert, so führe dies zu unvorhersehbaren Entwicklungen und verursache laufend hohe und unnötige Anpassungskosten. Auch werde die Qualität und Sicherheit der Medikamentenversorgung sowie des pharmazeutischen Fortschritts gefährdet.
Vorsichtiger Umgang mit Sofortmassnahmen
Für Jürg Schlup, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Bern geht es darum, der Kostenpflege auch weiterhin Beachtung zu schenken. Er plädiert aber für Ausgewogenheit und mahnt, dass „Konsequenzen von Eingriffen in das sensible Gesundheitssystem“ durchdacht sein müssen und mit allen Beteiligten zu entwickeln und umzusetzen sind. „Ärzte und Apotheker handeln mit hohem Verantwortungsbewusstsein, Berufsethos und sie sind gewillt, ihren Beitrag zur Kostenkontrolle im Gesundheitswesen zu leisten. Im Mittelpunkt stehen aber die Qualität, die Sicherheit und der Therapieerfolg einer Leistung. Selbstverständlich bringen wir dabei ein möglichst kostengünstiges Medikament - Originalmedikament oder Generikum - zur Anwendung.“ Eine Medikamentenpolitik, die auf kurzfristige Interventionen und ausschließlich Kostensenkung ausgerichtet sei, führe unausweichlich zu Qualitätseinbussen. „Und diese liegen weder im Interesse der Patienten, der Ärzte, der Apotheker noch der Krankenversicherer.“
Stefan Fritz, Präsident des Apothekerverbandes des Kantons Bern weist darauf hin, dass die Patienten selber einiges zu einer gesunden Medikamentenpolitik beitragen können und auch wollen: „Der praktische Alltag in Praxis und Apotheke belegt, dass der Patient die fachliche Aufklärung und Information sehr schätzt und durchaus kostenbewusst agiert.“ Fritz stellt fest, dass die Apotheker in diesem Bereich mit ihren Anstrengungen nicht nachlassen wollen. „Uns ist wichtig, dass der Patient noch verantwortungsbewusster mit Medikamenten umgeht, Vorgaben möglichst gut einhalten kann und ausreichend Sicherheit für eine sachgerechte Verwendung besteht. Dies erreichen wir durch persönliche Information des Patienten und immer bessere kollegiale Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft.“ Der Beweis, dass die Apotheker auch der Kostenpflege viel Beachtung schenken, sei spätestens seit der Einführung der Leistungsorientierten Abgeltung der Medikamentenabgabe LOA 2001 erbracht: „Allein dadurch wurden Minderausgaben von inzwischen über 500 Millionen Franken erreicht.“
Die Forderung: eine berechenbare und konsistente Medikamentenpolitik
In diesem Zusammenhang betonen Schlup, Fritz und auch Albrecht Rychen, Präsident der Krankenversicherung Visana, die Notwendigkeit eines „mehrjährigen Planungshorizontes und die Berechenbarkeit politischer Maßnahmen“. Konkret: sie fordern die Schaffung klarer Rahmenbedingungen und politische Massnahmen zur langfristigen Stabilisierung der Medikamentenkosten. Diese hätten sich an einer flächendeckenden, qualitativ hoch stehenden Gesundheitsversorgung und nicht nur an marktwirtschaftlichen Kriterien und kurzfristigen Erfolgen zu orientieren. Ein sicheres, effizientes und wirtschaftliches Gesundheitswesen müsse das Ziel sein. Diese „konsistente Medikamentenpolitik“, sei gemeinschaftlich mit allen Beteiligten zu erarbeiten, zu vereinbaren und umzusetzen - „nur so“, stellt Visana-Präsident Rychen klar „sind getroffene Entscheide und Massnahmen für die Betroffenen berechenbar, nachvollziehbar, akzeptierbar und nur so können unerwünschte Folgen vermieden werden“. Schlup seinerseits betont, es gelte behördliche „Schnellschüsse“ zu vermeiden, deren Auswirkungen in der praktischen Umsetzung ungenügend abgeklärt, deshalb Patienten, Ärzte, Apotheker und Versicherer verunsichere und oft nur mit grossem Aufwand und administrativen Kosten zu bewältigen seien.
Preisvorschriften überholt
Staatliche Preisvorschriften im Medikamentenbereich erachten Fritz, Rychen und Schlup übereinstimmend als überholt. Sie würden die Vorteile des Wettbewerbs beseitigen und stillschweigende Absprachen zwischen den Anbietern erleichtern. Sie fordern deshalb, dass die Anbieter von Originalpräparaten und die Versicherer jährlich direkt für jedes bestehende oder neue Originalpräparat Preisverhandlungen führen. Rychen: „Die staatliche Preisfestsetzung soll nur als ultima Ratio zur Anwendung gelangen und nur für diejenigen Medikamente, über die die Verhandlungspartner nicht Preiseinigung erzielen können.“
Lanze für die Medikamentenindustrie
Angesprochen auf den Patentschutz stellt Rychen klar, dass dieser nicht gleich zu setzen ist mit Preisschutz: „Auch von der pharmazeutischen Industrie wird erwartet, dass sie ihren Beitrag zur Stabilisierung des Kostenwachstums im Gesundheitswesen leistet.“ Anderseits seien die wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen in der Schweiz so auszugestalten und zu verbessern, dass für die Erforschung neuer Medikamente ausreichend Anreize bestünden. Denn auch darin sind sich die Spitzen der Berner Ärztegesellschaft, des Apothekerverbandes des Kantons Bern und der Krankenversicherung Visana einig: „Der Gesundheitsbereich - und mit ihm die Medikamentenindustrie - mit zehntausenden qualifizierten Arbeitsplätzen, ist für den Wirtschafts-, Forschungs- und Innovationsstandort Schweiz zu bedeutsam, als dass er durch unbedachte oder einseitige Eingriffe in seiner Qualität und Wichtigkeit für die Volkswirtschaft tangiert werden darf.“ Auch hier seien Verhandlungslösungen gefragt und dafür wollen sich Jürg Schlup, Stefan Fritz und Albrecht Rychen nun in ihren Dachorganisationen einsetzen.
Thesen einer konsistenten Medikamentenpolitik im Interesse der Patientinnen und Patienten sowie der Prämienzahlenden
- Bei Bedarf hat jeder Patient über Arzt oder Apotheker Zugang zu den für ihn medizinisch notwendigen Medikamenten.
- Die Sicherheit des Patienten und der Erfolg seiner Behandlung stehen im Mittelpunkt der Medikamententherapie. Dabei ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis zu berücksichtigen.
- Der Patient wird über den Nutzen, unerwünschte Wirkungen, mögliche Interaktionen und die Notwendigkeit der sachgerechten Anwendung von Medikamenten informiert. Auch die Kosten sind ihm transparent zu machen.
- Ärzte und Apotheker verpflichten sich, wo mehrere geeignete Medikamente zur Verfügung stehen, ein möglichst kostengünstiges Medikament (Originalmedikament oder Generikum) zur Anwendung zu bringen.
- Politische Vorgaben im Medikamentenbereich orientieren sich an längerfris-tigen und konsistenten Zielen. Diese sind unter Mitwirkung aller Beteiligten - auch der Ärzte, Apotheker sowie der Krankenversicherer - festzulegen.
- Die Preise für Originalmedikamente und Generika sind gemeinsam zwischen Anbieter und Krankenversicherer zu vereinbaren und nicht staatlich festzusetzen.
- Die wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen sind so auszugestalten, dass Anreize für die Erforschung neuer Medikamente bestehen. Der Patentschutz darf nicht unterlaufen werden.
- Die heutigen rechtlichen Möglichkeiten für Parallelimporte von Medikamenten sind zu verbessern.
Für weitere Auskünfte:
Visana Unternehmenskommunikation
Christian Beusch
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