Georges Althaus / 22.04.2019

Workaholic – wenn die Arbeit zum Lebensinhalt wird

Sandra Bittel ist Leiterin Betriebliches Gesundheitsmanagement bei Visana. Im Interview erklärt sie, in welchen Positionen die meisten Workaholics zu finden sind und was Betroffene tun können.

Frau Bittel, wie wird ein Workaholic definiert?

Unter Workaholic versteht man jemanden, der seine Arbeitsleistung so hoch gewichtet, dass er andere Lebensbereiche der Arbeit unterordnet. Workaholics haben einen enormen Anspruch an sich selber, sie sind in vielen Fällen sehr gewissenhaft und zuverlässig. Weil sie sich so stark über ihre Arbeit definieren, kann es sein, dass sie die körperlichen oder seelischen Signale ignorieren – und so den Moment verpassen, wo es ungesund wird.

Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass ein Arbeitnehmer sich auf dem Weg zu einem Workaholic befindet?

Vorboten können ein hohes Engagement und eine hohe Leistungsbereitschaft sein. Ein wichtiges Indiz ist zudem der Überzeit-Saldo, sofern die Arbeitszeit im Unternehmen durch Zeiterfassung festgehalten wird. Häufige Fehler, fehlende Distanz zur Arbeit, Schlafstörungen und Kreislauf-Probleme sind ebenfalls Warnsignale. Für Aussenstehende ist die Beobachtung der Veränderung wichtig, denn über die beobachtete Wandlung kann das Thema angesprochen werden.

Wie weit können die gesundheitlichen Schäden führen?

Sehr weit. Die Bandbreite reicht von wiederholten Ausfällen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit, wenn man es nicht rechtzeitig merkt. Nebst den körperlichen sind die psychischen Beeinträchtigungen genau so schwerwiegend und es kann für den Betroffenen grosse Einschränkungen und einen langen Genesungsprozess nach sich ziehen.

Was kann man als Betroffener machen?

Man sollte auf die Warnsignale achten und sich fragen: «Wo hole ich mir meine Erholung? Was tut mir gut?». Betroffene sollten mit dem Vorgesetzten sprechen, um gemeinsam nach Möglichkeiten zur Entlastung zu suchen. Dem Aufbau der Ressourcen und der Erholungsfähigkeit sollte mindestens gleich viel Beachtung geschenkt werden wir dem Abbau der Belastungen.

Welche Folgen kann dies für ein Unternehmen oder die Teams haben, in welchen ein Workaholic arbeitet?

Wenn ein Team über einen längeren Zeitraum Fehler ausbaden und wiederholt kürzere Absenzen überbrücken muss, wird es sehr belastend. Zusätzlich kommt die finanzielle Komponente, die insbesondere im Langzeitabsenz-Bereich drastisch sein kann. Für die betroffene Person ist es ebenso dramatisch. Die grösste Herausforderung besteht darin, dass der Workaholic merkt, dass etwas aus dem Ungleichgewicht geraten ist. Hier spielt das Phänomen der interessierten Selbstgefährdung eine Schlüsselrolle: Um die gesteckten Ziele zu erreichen, zeigen Betroffene eine sehr hohe Leistungsbereitschaft, vernachlässigen ihre eigene Gesundheit und nehmen Schäden in Kauf.

Für ein Unternehmen ist es grundsätzlich positiv, wenn sich Arbeitnehmende mit der Firma identifizieren. Bei einem Workaholic geht dies jedoch darüber hinaus, sodass die Arbeit zum Lebensinhalt wird. Wie kann man den Schritt zu einer gesundheitsschadenden Arbeitssucht verhindern?

Wichtig ist die Sensibilisierung von Führungspersonen, sie müssen wachsam sein und ihre Fürsorgepflicht wahrnehmen. Gerade bei mobilen Arbeitsformen, wo man nicht ständig nebeneinander im Büro sitzt, ist der Austausch essenziell. Weitere Massnahmen sind regelmässige Schulungen für Mitarbeitende zum richtigen Umgang mit Stress usw.

In welchen Positionen kommen Workaholics am meisten vor?

Workaholics gibt es in allen Positionen und Hierarchiestufen. Bei komplexen Aufgaben mit sehr viel Autonomie und vielen Schnittstellen ist die Gefahr grösser als bei einer linearen Aufgabenverteilung. Ob sich jemand zu einem Workaholic entwickelt, ist jedoch auch abhängig von der Persönlichkeit. Charakteristika wie Ehrgeiz, Perfektionismus und hohe Ansprüche an sich selber können mögliche Treiber sein.

Werden Workaholics bei Visana firmenintern und persönlich betreut?

Visana setzt seit vielen Jahren auf ein strukturiertes Absenzen-Management. Das heisst, nach jeder Absenz findet ein Rückkehrgespräch statt. Wenn diese Gespräche qualitativ gut geführt werden, findet man eher die Ursache. Im Gespräch wird bspw. gefragt, ob es einen Zusammenhang zwischen der Absenz und dem Arbeitsplatz gibt und es wird besprochen, was man ändern kann, damit es nicht mehr passiert. Die erste Unterhaltung ist eher informell, bei regelmässigen Absenzen wird ein Massnahmenplan entwickelt. Zudem kennt die Visana das Jahresarbeitszeitmodell, welches es den Mitarbeitenden ermöglicht, ihre Arbeits- und Erholungszeit flexibler und bedürfnisgerechter einteilen zu können.

Kommen Workaholics direkt auf die Führungskräfte zu, wenn sie sich überlastet fühlen oder wird dieses Problem grundsätzlich ignoriert?

Sowohl als auch. Das ist abhängig von der Gesprächs- und Führungskultur eines Unternehmens. Zudem kommt der Führungsperson besonders in diesem Thema eine wichtige Vorbildfunktion zu. Es muss eine gute Vertrauensbasis geschaffen werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Über
Georges Althaus

Nach ausgedehnten Reisen in die Sphären der Kunst bin ich in der Welt der Ökonomie angekommen: Projekte, Marktbearbeitung, Kommunikation sind Stichworte, die mich begleiten, seit 2015 auch bei Visana im Firmenkundengeschäft. Daran glaube ich fest: es kommt auf die Menschen an – nicht auf die Institutionen. Und zudem: Zahlen, Natur und Kreativität sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich idealerweise zu einem Ganzen, im privaten wie im beruflichen Umfeld.

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