«Den Patienten die Verunsicherung nehmen»

Prof. Dr. med. Andrew Chan ist Chefarzt am Berner Inselspital. Er gibt Auskunft über Medizinische Zweitmeinungen und sagt, wann es angebracht ist, sich einen zusätzlichen Ratschlag eines medizinischen Experten einzuholen.

Halten Sie Medizinische Zweitmeinungen für eine gute Sache?

Andrew Chan: Ja, natürlich, eine solche kann häufig allen Beteiligten helfen. Entscheidend sind der Wille der Patienten sowie eine gute Zusammenarbeit der Ärzte.

 

Wann ist es sinnvoll, sich einen zweiten oder gar dritten Ratschlag einzuholen?

Es gibt manchmal Situationen, in denen beispielsweise der niedergelassene Facharzt nicht ganz sicher ist, dann können grosse, hochspezialisierte Spitäler weiterhelfen und vielleicht auch stärker in die Tiefe gehen. Es kann etwa um die Frage gehen, ob eine Operation nötig ist oder man konservativ behandeln soll. Oder die medizinische Sachlage ist zwar klar, der Patient aber unsicher. Da hilft es auf jeden Fall, wenn ein zweiter Fachmann herbeigezogen wird. Es ist ganz wichtig, dass keine Zweifel mehr vorhanden sind, um sich zum Beispiel auf eine komplizierte Therapie einzulassen.

 

Wo liegen die Grenzen bei einer Medizinischen Zweitmeinung?

Es gibt ja das Bonmot: zwei Ärzte, drei Meinungen (schmunzelt). Aber ernsthaft: Problematisch kann es werden, wenn Patienten so lange suchen, bis sie das gewünschte Ergebnis erhalten. Das verbraucht wertvolle Ressourcen, ist nicht zielführend und dient niemandem. Klar ist aber auch: Jede Geschichte ist ein Einzelfall, den es sorgfältig abzuklären gilt.

 

Entlasten medizinische Zweitmeinungen eigentlich das Gesundheitswesen?

Es gibt zwei Seiten der Medaille. Einerseits ist das eine sehr gute Sache, weil die Entwicklung im Gesundheitsbereich rasant voranschreitet und an Zentren beispielsweise Fachwissen auch für seltene Erkrankungen sowie modernste Geräte zur Verfügung stehen. Aber natürlich kann es eben auch mehr Ressourcen verbrauchen, wenn jemand mit den Meinungen überhaupt nicht zufrieden ist.

 

Was empfehlen Sie, wenn sich die erste und zweite Meinung komplett widersprechen?

Weit voneinander abweichende Einschätzungen habe ich nur sehr selten erlebt. Auch hier ist es wichtig, das Gespräch mit den Patienten zu suchen und ihnen die Verunsicherung zu nehmen. Sie müssen immer hinter dem Vorgehen stehen. Dazu gehört dann auch, dass die Ärzte miteinander diskutieren, warum sie anfänglich zu unterschiedlichen Einschätzungen gekommen sind. Im optimalen Fall findet man nach einer solchen Diskussion zu einer einheitlichen ärztlichen Haltung.

 

Kann es heikel sein, wenn ein Arzt die Kollegenmeinung kritisiert?

Wie gesagt: Das ist kaum einmal der Fall. Es ist kein Gegeneinander, wir Ärzte sprechen ja auch miteinander, und die Zusammenarbeit mit einem Facharzt ist immer empfehlenswert. Für viele Menschen ist es wichtig, dass sie heimatnah und rasch versorgt werden, aber bei schwierigen Krankheitsbildern ist Spezialwissen unabdingbar. Das merke ich ja selber, auch ich stosse an Grenzen, weil kein Arzt auf allen Gebieten stets auf dem neuesten Stand sein kann. Es gibt ständig neue Therapieformen und Vorgehensweisen.

 

Bei welcher Art von Krankheit oder Verletzung sind Medizinische Zweitmeinungen besonders empfehlenswert?

Bei neurologischen Angelegenheiten ganz sicher, wenn die Abklärungen und Therapien sehr komplex sind, etwa bei Multipler Sklerose. Oder bei Parkinson, auch da gibt es mittlerweile einige neue Therapien. Aber auch bei häufigeren Erkrankungen wie Rückenschmerzen oder Bandscheibenvorfällen kann es manchmal sinnvoll sein, sich mehrere Expertisen einzuholen.

 

Gibt es Aspekte, die Ihnen in dieser Sache besonders wichtig sind?

Ich möchte betonen, dass es stets um die optimale Betreuung der Patienten geht, nie um Konkurrenz oder Hierarchien unter Ärzten. Es gilt, ein möglichst komplettes Bild zu erhalten. Der enge Austausch zwischen Spezialisten ist für die Patienten wertvoll. Und natürlich muss alles transparent sein, sämtliche Informationen müssen auf dem Tisch liegen. Es wäre falsch, wenn die Betroffenen ein schlechtes Gefühl hätten, eine Zweitmeinung einzuholen. Sie hintergehen damit den eigenen Hausarzt nicht, im Gegenteil. Unser Versorgungssystem ist ausgezeichnet, und genau deswegen ist es elementar, alle Aspekte zu nutzen. Die Patienten schätzen es, wenn sie merken, wie kompetent die Beratung in der Schweiz ist.