Interview mit Christian Stucki

Lesen Sie das ganze Interview mit Christian Stucki, dem Schwingerkönig und neuen Visana-Botschafter. Die gekürzte Version ist in der Nummer 1/2020 unseres Gesundheitsmagazins «VisanaForum» erschienen.

Interview: Fabian Ruch | Foto: Mauro Mellone

«Es ist eine coole Sache, im Sägemehl zu stehen»

Christian Stucki ist einer der erfolgreichsten Schwinger der Geschichte und einer der beliebtesten Sportler des Landes. Der 35-Jährige spricht über sein fantastisches Jahr 2019 und Roger Federer, die Berner Dominanz im Schweizer Sport und Veränderungen im Leben – und über sein Engagement bei Visana.

Christian Stucki, bitte beschreiben Sie Ihr 2019 in drei Sätzen.

Es war sehr erfolgreich. Es war sehr speziell. Und es war sehr erfüllend.

 

Als Zugabe zum Schwingerkönigstitel wurden Sie Ende Jahr auch Schweizer Sportler des Jahres. Was bedeutet Ihnen das?

Das hat mich natürlich gefreut, weil es für unsere Sportart ein grosser Fortschritt ist. Zuvor war es nie einem Schwinger vergönnt gewesen, Sportler des Jahres zu werden. Das zeigt, wie populär Schwingen geworden ist. Ich bin schon ein wenig stolz, obwohl ich es eigentlich lieber mag, wenn man keinen Rummel um meine Person macht.

 

Wie surreal ist es, bei dieser Wahl Superstar Roger Federer geschlagen zu haben?

Überhaupt nicht, es ist ja real (lacht). Im Ernst: Am Schluss gegen Federer im Final zu stehen, das war ein sehr schöner Moment für mich. Und es zeugt wohl von einer gewissen Präsenz meinerseits in der Schweiz, riefen die Menschen so oft für mich an. Federer ist auf der ganzen Welt beliebt und erfolgreich, wir Schwinger treten nur in der Schweiz an. Als ich im letzten Herbst bei den Swiss Indoors vor ihm stand, kam ich mir vor wie ein Schulbub. Aber «Fedi» ist ein toller Typ und war ganz locker.

 

Können Sie die Minuten vor dem Schlussgang am Eidgenössischen in Zug im letzten Sommer beschreiben?

Im Prinzip waren es ja Stunden. Nachdem ich die Gänge 5 und 6 gestellt hatte, war ich eigentlich raus aus dem Rennen. Das war deprimierend, und weil ich an Festen nie rechne, was noch sein könnte, konzentrierte ich mich einfach darauf, trotz der Enttäuschung sauber zu Ende zu schwingen. Nach dem siebten Gang und dank günstigen Ergebnissen stand ich auf einmal doch noch im Schlussgang, das war eine völlig unerwartete Situation. Und ich hatte zweieinhalb Stunden Zeit, um damit umzugehen.

 

Das ist Ihnen gut gelungen.

Ja, es war aber kompliziert. Ich liess ein paar Schwingerkollegen an mich ran, der Trainer war natürlich bei mir, ein guter Freund auch, aber eigentlich war ich ganz bei mir, das Handy hatte ich das gesamte Wochenende abgegeben. Rund 45 Minuten vor dem Schlussgang war ich endlich wieder auf der Höhe und danach wie im Film. Man muss in solchen Momenten nervös sein, sonst stimmt etwas nicht.

 

Haben Sie nun all Ihre Ziele und Träume im Schwingsport erfüllt?

Das kann man auf jeden Fall so sagen. Als ich 2008 das prestigeträchtige Kilchberg-Schwinget gewann, dachte ich, das sei schön und cool, mehr nicht. Erst in den letzten drei Jahren nahm meine Karriere noch einmal so richtig Fahrt auf. Ich gab in allen Bereichen Vollgas, stellte Training, Ernährung, Leben um und arbeitete hart, um mein Potenzial auszureizen. Es hat sich gelohnt.

 

Es heisst, Sie hätten zuvor nicht immer wie ein Topsportler gelebt und beispielsweise geraucht und seien einem zünftigen Fest nicht abgeneigt gewesen.

(Schmunzelt) Dazu stehe ich, das gehört zu mir, da gab es auch nie eine Heimlichtuerei. Mein Motto ist: Leben und leben lassen. Denn es gibt für jeden Sportler auch ein Leben neben dem Sport. Aber ich habe eine Vorbildfunktion, deshalb war es für mich immer klar, in der Öffentlichkeit nie ein unanständiges oder peinliches Bild abzugeben.

 

Was haben Sie denn in den letzten Jahren konkret geändert?

Jede Menge. Ich rauche schon lange nicht mehr, trainiere fokussierter, ernähre mich bewusster, investiere viel mehr in den Sport, habe meinem Leben mehr Struktur gegeben, in Zusammenarbeit mit Spezialisten in vielen Bereichen.

 

Denken Sie manchmal, dass Sie schon viel früher hätten Schwingerkönig werden können, wenn Sie immer diese Einstellung gehabt hätten?

Das wäre vielleicht wirklich so gewesen. Aber Schwingen war und ist für mich auch immer ein grosser Spass. Ich nahm an sieben Eidgenössischen Schwingfesten teil, gewann sechsmal einen Kranz, so schlecht ist das nicht. Ich bin keiner, der mit der Vergangenheit hadert. Es ist, wie es ist.

 

Gehören Sie mittlerweile zu den grössten Schwingern der Geschichte?

Ich beurteile mich selber nicht so gerne. Vermutlich stehe ich in den Top 10, das schon, aber Jörg Abderhalden und Ruedi Hunsperger sind dreifache Könige, sie stehen ganz sicher über mir. Es wäre sicher spannend, könnte man die besten Schwinger der Geschichte in ihrer stärksten Phase gegeneinander antreten lassen.

 

Interessanterweise gewannen Sie den Königstitel erst, als die jungen Konkurrenten äusserst athletisch geworden sind.

Ich musste meine Einstellung total ändern, um noch mithalten zu können. Und das grösste Problem für mich war immer, den inneren Schweinehund zu überwinden. Das kennt wohl jeder Mensch. Ich ging öfter ins Fitness, verfolgte einen klaren Trainingsplan, ordnete dem Schwingen vieles unter. Und ich bin ein sehr gutmütiger Mensch, deshalb war es auch ein wichtiges Puzzleteil, dass ich etwas egoistischer geworden bin und mehr auf meine Bedürfnisse geachtet habe.

 

Eigentlich wären Sie doch der Typ, der auf dem Höhepunkt aufhören könnte.

Ich sagte immer, dass ich bis und mit 2022 weiterschwingen werde. Solange ich mich gut fühle und vorne mitschwingen kann, ändert sich daran nichts. Es ist toll, darf ich meinem Hobby weiter frönen, denn es ist eine coole Sache, im Sägemehl zu stehen. Zudem möchte ich meinen Königstitel ja ein wenig geniessen.

 

Da geht es auch um viel Geld. Wie sehr stört es Sie, dass der Kommerz auch beim Schwingen Einzug gehalten hat?

Ich verstehe die Traditionalisten, die das gar nicht mögen. Aber der Schwingsport erlebt seit längerer Zeit einen gewaltigen Boom, die Feste haben Millionenbudgets, von irgendwo muss das Geld ja kommen. Für die Sponsoren ist unser Sport attraktiv, weil wir für Swissness, Bescheidenheit, Tradition stehen. Es ist absolut richtig, werden auch wir Schwinger an den Einnahmen beteiligt. Sonst wäre es ja wie bei den alten Römern, als die Gladiatoren im Kolosseum kämpften und die Zuschauer auf den Tribünen unterhielten. Im Übrigen haben wir uns gewisse Dinge bewahrt, so sind wir Schwinger in der Arena werbefrei. Mit Reklame vollgepflasterte Kleidung wäre unangebracht.

 

Sie sind ein beliebter Werbeträger. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie bei den Leuten und in den Medien so gut ankommen?

Das hat sich so ergeben. Am Anfang war ich vor der Kamera unsicher. Ich machte nie ein Medientraining, sondern versuchte stets, mich selbst zu sein. Irgendwann realisierten die Journalisten, dass ich einer bin, der nicht nur Ja und Nein sagt. Und offenbar mögen mich die Leute. Beim Schweizer Fernsehen hiess es, die Einschaltquoten seien höher, wenn ich zu Gast sei. Ich nehme alle Menschen, wie sie sind, bin also für sie authentisch. Und ich fühle mich nie als etwas Besseres, sondern bin manchmal sogar froh, wenn mich die Leute nicht erkennen.

 

Das dürfte angesichts Ihrer Grösse und Bekanntheit schwierig sein.

(Lacht) Ich kann mich ja schlecht in der Menge verstecken.

 

Mittlerweile sind die Berner nicht nur in der Musik landesweit führend, sondern auch im Sport. YB und der SCB sind Meister, Schweizer Sportlerin des Jahres wurde die Leichtathletin Mujinga Kambundji. Ist das Zufall?

Vermutlich schon, weil uns ja ausser der Herkunft nichts Konkretes verbindet. Es gibt keine Zauberformel, warum im Moment wir Berner am Drücker sind. Wir sind ruhig, nehmen uns nicht zu wichtig, das ist sicher ein gemeinsamer Punkt. Und im Übrigen ist es doch gut so, dass wir dominant sind, ich bin riesiger YB-Fan und habe mich über die Erfolge sehr gefreut.

 

Warum arbeiten Sie immer noch zu 60 Prozent als Lastwagenfahrer?

Das ist mir wichtig, das gibt meinem Leben jene Struktur, die ich brauche. Möglicherweise reduziere ich nun auf 40 Prozent, weil der Aufwand schon gewaltig geworden ist. Wie gesagt, irgendwann kommt das Leben nach der Sportkarriere, darauf will ich vorbereitet sein. Meine Frau arbeitet 40 Prozent, wir sind gut organisiert, ich habe auch Zeit, um unsere zwei Kinder zu betreuen.

 

Seit 2020 gehört Visana zu Ihren Sponsoren. Was verbindet Sie mit der Krankenkasse?

Es ist mir wichtig, dass ich Sponsoren habe, zu denen ich stehen kann und die Werte vertreten, die zu mir passen. Visana ist ein traditionelles Berner Unternehmen, und ich kenne den CEO Angelo Eggli schon länger. Er ist auf mich zugekommen, das hat mich sofort gereizt. Gesundheit und Bewegung sind Themen, die uns alle angehen. Wenn ich hier zusammen mit Visana etwas beitragen kann, tue ich das gerne. Es wird zum Beispiel Schwingcamps geben, in denen ich interessierten Mädchen und Buben zeigen kann, wie es in unserem Sport läuft. Darauf freue ich mich.

 

Zur Person

Christian Stucki krönte sich 2019 zum Schwingerkönig und wurde vor Roger Federer zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt. Der mittlerweile 35-jährige Berner gewann zudem 2008 das Kilchberg-Schwinget sowie 2017 das Unspunnen-Schwinget und hat damit an den drei wichtigsten Festen triumphiert. Mit 128 Kranzgewinnen steht Stucki, der noch drei Saisons weiterschwingt, in der Geschichte an vierter Stelle. Rekordhalter ist Arnold Forrer mit 147.

Stucki lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern (4 und 7 Jahre alt) in Lyss, arbeitet als Lastwagenfahrer und gehört zu den beliebtesten Sportlern des Landes. Seine Hobbys sind Fischen, Hornussen und Golf, wenn er denn einmal Zeit dafür hat. Und er ist ein grosser YB-Fan. Stucki ist 1,98 Meter gross, rund 140 Kilogramm schwer und trägt Schuhnummer 51.