Interview mit Mujinga Kambundji

Lesen Sie das ausführliche Interview mit Mujinga Kambundji, der Schweizer Sprintkönigin und neuen Visana-Botschafterin. Die gekürzte Version ist in der Nummer 2/2020 unseres Gesundheitsmagazins «VisanaForum» erschienen.

Interview: Fabian Ruch | Fotos: Mauro Mellone

«Ich möchte andere dazu inspirieren, sich zu bewegen»

Mujinga Kambundji, die Schweizer Sportlerin des Jahres 2019, spricht über ihr Leben als Leichtathletin, über die Corona-Krise und ihr Engagement als Botschafterin von Visana.

Sie sind Schweizer Sportlerin des Jahres. Hat sich damit für Sie ein Mädchentraum erfüllt?

Mujinga Kambundji: Nein, überhaupt nicht. Als Kind trieb ich Sport, weil es mir Spass machte. An Medaillen bei Weltmeisterschaften oder an Olympischen Spielen dachte ich damals nie. Ich war auch lange Zeit gar nicht so gut, dass sich diese Frage überhaupt gestellt hätte. Aber natürlich ist es wunderschön, zur Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt worden zu sein. Es ist eine grosse Wertschätzung und auch ein Lohn für die harte Arbeit. An jenem Abend bei der Wahl dachte ich schon auch an die vielen Stunden hartes Training zurück. Und daran, wie lange und manchmal auch beschwerlich mein Weg gewesen ist.

 

Wann realisierten Sie, dass sie ein aussergewöhnliches Talent waren?

Ich war immer sehr aktiv, schon mit 5, 6 Jahren: Aber ich hatte eben nie das Gefühl, speziell begabt zu sein. Ich wuchs ganz normal auf, da gab es lange nicht die Überlegung, dass ich besonders talentiert sei. Ich guckte am TV auch nicht stundenlang Leichtathletik-Wettkämpfe, weil ich lieber draussen am Spielen war mit den anderen Kindern. Ins Training ging ich aber immer sehr gerne, und ich mochte es auch, meine Grenzen auszutesten, wobei ich das alles eher spielerisch betrachtete. Irgendwann begann ich, Rennen zu gewinnen, doch ich galt immer noch lange Zeit nicht als grosses Talent. Man hörte immer von sehr schnellen Mädchen aus dem Ausland, und ich dachte dann: Wow, das sind ja unglaublich tolle Zeiten. Bei mir hat sich alles sehr langsam entwickelt. Deshalb denke ich auch, dass ich mein Potenzial noch nicht ausgereizt habe.

 

Sie trainierten stets äusserst hart. Dachten Sie in der Jugend manchmal, Sie müssten auf sehr viel verzichten?

Es war so eine Art Mischform aus Gefühlen. Ehrgeiz war nie mein grösster Antrieb, weil ich es liebte, Leichtathletik zu betreiben und mich eben nie gross unter Druck setzte. Aber logischerweise war es beispielsweise vor Wettkämpfen manchmal schwierig, wenn ich mich an einer Party als Teenager vernünftig verhielt und frühzeitig nach Hause ging, während die anderen durch die Nacht zogen. Das Gefühl, etwas zu verpassen, hatte ich jedoch nie, weil ich auf den vielen Reisen als Leichtathletin die halbe Welt sah.

 

Nun hat das Coronavirus in diesem Jahr auch Ihren Alltag auf den Kopf gestellt. Wie schwierig war es für Sie, damit umzugehen?

Wie für alle: enorm schwierig. Auf einmal konnte ich nicht mehr geregelt trainieren, alles war anders. Doch so erging es Athleten auf der ganzen Welt. Und sowieso: Wichtig ist am Ende immer die Gesundheit, das hat dieses Virus uns Menschen wieder eindrücklich gezeigt. Aber man darf auch in so komplizierten Zeiten den Optimismus nie verlieren. Und die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio um ein Jahr war absolut verständlich, weil eben die Gesundheit immer an erster Stelle stehen muss.

 

Sportlich gesehen hat Sie das aber sicher geärgert?

Natürlich hätte ich die Olympischen Spiele sehr gerne im Sommer 2020 bestritten. Ich fühle mich gut und wäre bereit gewesen. Aber das wird hoffentlich auch nächstes Jahr so sein. Das Coronavirus hat alles und alle verändert. Es gab viel, viel wichtigere Dinge als den Sport. Ich war in diesem Jahr deutlich mehr zuhause als normalerweise, weil ich sonst ständig weg gewesen wäre, im Trainingslager, an Wettkämpfen, an weiteren Terminen. Diese Zeit gab mir die Gelegenheit, andere Dinge zu erledigen: Ich habe ausgemistet, das Studium ging weiter, solche Sachen waren und sind auch wichtig. Und bei mir zu Hause im Liebefeld bei Bern hatte ich ideale Möglichkeiten, um doch wirkungsvoll trainieren zu können. Entscheidend war in diesen Wochen und Monaten einzig, dass man das Virus eindämmen konnte.

 

 

Wie sehr hat sich eigentlich Ihr Leben nach der WM-Bronzemedaille über 200 Meter im letzten Herbst in Doha verändert?

Natürlich extrem. Wir erhielten bis zu zehn Interview-Anfragen pro Tag, nach den Ferien hatte ich wochenlang fast jeden Tag einen Termin. Das war nicht immer einfach, aber es gehört dazu und ist auch eine interessante Erfahrung. Es fiel mir auch nicht schwer, mich wieder zu motivieren, weil es ja immer weitergeht. Und weil ich eben überzeugt davon bin, dass ich noch Grosses erreichen kann. Ich habe beispielsweise noch nie einen 100-Meter-Final bei einer WM oder an Olympischen Spielen bestritten. Die Ziele gehen nicht aus, zumal ich weiss, dass ich noch besser werden kann. Ich funktioniere so, dass ich jedes Mal, wenn ich etwas erreicht habe, sofort ans nächste Ziel denke. Und bisher habe ich es immer geschafft, mich zu verbessern.

 

Sie wurden im Juni 28 Jahre alt. Kann man in diesem Alter physisch sogar noch stärker werden?

Das hängt immer von enorm vielen Faktoren ab. Zum Beispiel von der Dosierung des Trainings. Wenn man schon ab 17 jedes Jahr total an die Grenzen geht, kann es schon sein, dass es irgendwann nicht mehr weitergeht. Bei mir habe ich aber das Gefühl, dass mir das gut gelungen ist. Deshalb bin ich sicher: Da geht noch mehr. Aber man muss alle Bereiche wie Kraft, Ausdauer, Mentales, Ernährung immer wieder optimieren, um seine Leistungsgrenzen zu erreichen.

 

Ihre Mutter ist aus der Schweiz, Ihr Vater stammt aus dem Kongo. Sind Sie selber mehr Schweizerin oder Kongolesin?

Das ist eine spannende Frage, aber die Antwort ist einfach: Ich bin ganz klar Schweizerin. Hier bin ich aufgewachsen, hier leben meine Freunde, hier bin ich bei meiner Familie, die mir sehr wichtig ist. Aber es gibt ganz bestimmt afrikanische Verhaltensweisen in mir. Ich bin unbeschwert, locker und kann es auch einmal nicht ganz so eng sehen, wenn es darum geht, Dinge sofort zu erledigen (lacht). Dieser Mix aus verschiedenen Kulturen ist sicher kein Nachteil.

 

Und warum haben Sie sich für eine Zusammenarbeit mit Visana entschieden?

Das hat einfach sofort gepasst. Visana ist ein Berner Unternehmen, ich bin Bernerin, und auch mir sind Gesundheit und Fürsorge sehr wichtig. Zudem hat mich die Begeisterungsfähigkeit der Verantwortlichen bei Visana überzeugt. Ich denke, wir ergänzen uns gut.

 

Was können Sie als Person in die Partnerschaft einbringen?

Als Sportlerin bin ich sicher ein authentischer Werbepartner. Und mit meiner Bekanntheit kann ich hoffentlich ein guter Botschafter für Visana sein. Ich möchte andere Menschen inspirieren, sich zu bewegen. Und ihnen zeigen, dass man mit Leidenschaft für eine Sache viel erreichen kann.

 

Zur Person

Mujinga Kambundji (28) ist Schweizer Sportlerin des Jahres 2019. Im letzten Jahr feierte sie mit der Bronzemedaille über 200 Meter an der Leichtathletik-WM in Doha den bisher grössten Erfolg ihrer Karriere. Kambundji ist im Liebefeld vor den Toren Berns zusammen mit drei Schwestern aufgewachsen und lebt immer noch dort. Sie kümmert sich in der Freizeit um ihre Pflanzen oder unternimmt lange Spaziergänge.