«Unbedingt auch im Winter Sport treiben»

Patrik Noack ist der Schweizer Chefmediziner an den Olympischen Winterspielen. Der Sportarzt spricht darüber, wie man sich verhalten muss, um in der Kälte Sport zu treiben. Die Verletzungsgefahr im Winter sei nicht grösser, wenn man sich gut vorbereite.

Was ist anders für den Körper, wenn man in der Kälte Sport treibt?

Kalte Luft ist deutlich trockener, sie reizt die Atemwege und die Lunge erheblich stärker. Wenn man beispielsweise joggen geht, ist die Belastung generell höher.

 

Ist es also gefährlicher, sich im Winter aktiv zu betätigen?

Das würde ich nicht generell so sagen. Im Sommer können die Atemwege durch erhöhte Ozonwerte ebenfalls stark belastet werden. Bei tiefen Temperaturen muss man manchmal die Intensität anpassen, aber das passiert oft automatisch, weil der Körper die entsprechenden Signale sendet. Wenn es heiss ist, muss man den Körper kühlen, im Winter ist das Gegenteil der Fall. Es empfiehlt sich, warme Getränke mitzunehmen. Das Trinkbedürfnis verringert sich zudem, man sollte also darauf achten, genügend Flüssigkeit zu konsumieren.

 

Gibt es Sportarten, die Sie im Winter nicht empfehlen?

Nein. Hochintensive Tätigkeiten wie ein Sprint im Langlauf sind bei extrem tiefen Temperaturen sicher nicht ideal. Aber das sind ja bestens trainierte Sportler, die auch bei minus 20 Grad ihre Leistungen erbringen können. Ich finde, dass man im Winter unbedingt weiter und regelmässig Sport treiben sollte, weil es gut für Geist und Körper ist. In den Wintermonaten lässt sich zudem im Grundlagenausdauerbereich eine wertvolle Basis legen. Selbstverständlich gibt es auch Schönwettersportler, die ihr Training in den Wintermonaten nach drinnen verlegen. Auch dafür habe ich Verständnis.

 

Wie sollen sich Hobbysportler für den Winter vorbereiten?

Nebst warmen Getränken ist es wichtig, den Körper gut zu schützen. Dabei helfen funktionale Kleidung und eine Kappe, weil man sehr viel Wärme über den Kopf verliert. Ein gutes, noch längeres Aufwärmen ist wichtig, weil sonst die Verletzungsgefahr grösser sein kann. Und wenn es wirklich enorm kalt ist oder die Strassen gar vereist sind, verzichtet man aus Sicherheitsgründen besser einmal auf ein Training draussen.

 

Und wie sollte man die Ernährung anpassen?

Wenn es kalt ist, benötigt man mehr Energie und eine höhere Kalorienzufuhr. Das gilt es bei der Vorbereitung, aber auch bei der Regeneration zu berücksichtigen, und ganz besonders bei der Flüssigkeitszufuhr. Heute gibt es dafür ja enorm viele Apps. Am Wichtigsten ist aber immer noch das eigene Durst- und Hungergefühl. Keine App kennt den eigenen Körper so gut wie der Mensch selber.

 

Man hat oft das Gefühl, im Winter werde man eher krank oder die Verletzungsgefahr sei grösser. Ist das medizinisch bewiesen?

Die Luft ist wie gesagt trockener und kühler, dadurch ist die Schutzbarriere der Schleimhäute für Viren und Bakterien anfälliger. Es gibt tatsächlich mehr Erkältungen und auch mehr Magen-Darm-Geschichten. Bezüglich Verletzungen ist es so, dass die chemischen Vorgänge im Körper im Sommer besser ablaufen. In der Kälte ist es immer schwieriger, Topleistungen zu erbringen. Aber wenn man sich entsprechend vorbereitet, ist die Verletzungsgefahr nicht grösser.

 

Gibt es für Sie eine Temperaturgrenze, bei der es für Sport zu kalt ist?

Beim Langlauf beispielsweise liegt diese Grenze bei minus 18 Grad. Ich denke, für die Atemwege wird es ab minus 22 auch für Topathleten heikel. Bei Hobbysportlern dürfte es ab minus 10 Grad unangenehm werden. Wer sehr stark schwitzt, muss bei extrem tiefen Temperaturen besonders aufpassen. Es kann problematisch werden, wenn man die Kleider oder die Kappe auszieht und während längerer Zeit ungeschützt unterwegs ist. Erfrierungen gibt es in der Schweiz jedoch sehr selten.

Zur Person

Patrik Noack ist einer der bekanntesten Schweizer Sportmediziner. Der 45-Jährige ist Leiter des Medbase-Zentrums für Medizin und Sport im Säntispark in Abtwil und Chefarzt von Swiss Olympic. Seit 2018 ist er unter anderem verantwortlich für den medizinischen Bereich der Schweizer Delegation an den Olympischen Spielen. Zudem ist er Teamarzt bei den Verbänden in den Sportarten Triathlon, Mountainbike, Bahnfahren, Leichtathletik und Langlauf. Der Ostschweizer war selber ein talentierter Leichtathlet (Mitteldistanzen), hat bereits einen Ironman absolviert und spielt regelmässig Badminton.  In seiner Freizeit reist der zweifache Vater gerne mit seiner Familie.